Andere Länder, andere Sitten - Indonesien
Markus Niesen | 19. Aug 2005 | Baby Erziehung
Bevor unsere Tocher Selina im April diesen Jahres in Deutschland geboren wurde, haben meine Frau und ich mehrere Jahre in Bali (Indonesien) gelebt und gearbeitet.
Wir haben etwas abseits der ganzen Touristenströme in einem typischen, balinesischen Dorf gewohnt. Dort konnten wir sehr schön beobachten, wie die Balinesen ihre Kinder erziehen.
In der Regel leben in Bali mindestens drei, wenn nicht sogar vier Generationen gemeinsam in einem Familiengehöft. Das gesamte Familienleben spielt sich somit auf engstem Raum ab.
Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Erziehung der Kinder: die Balinesen achten beispielsweise darauf, dass die Füße eines Neugeborenen in den ersten 210 Tagen nicht den Boden berühren. So findet sich immer eine Oma, ein Onkel oder ein älteres Kind, welches das Baby durch die Gegend trägt.
Durch den engen Körperkontakt und die Vielzahl der Personen, die sich um das Baby kümmern, entwickelt dieses ein ganz anderes Urvertrauen in seine Umwelt. Entsprechend glücklich wirken balinesische Kinder auf Außenstehende.
Die Babys in Bali werden auch viel länger gestillt als hiesige Kinder. Ein Kleinkind (!) wird oft erst dann abgestillt, wenn das nächste Brüderchen oder Schwesterchen schon unterwegs ist. In Bali kann man daher öfter beobachten, wie Kinder, die längst schon laufen können, ab und zu zur Mutter zurückkehren, um einen Schluck aus der mütterlichen Brust zu nehmen. Stillen in der Öffentlichkeit ist völlig normal und wird ohne Einschränkungen überall akzeptiert.
Balinesische Kinder werden auch viel eher dazu angehalten, eigene Erfahrungen zu machen. So kann es durchaus sein, dass das Kind eines Holzschnitzers mit Hammer und Meißel "bewaffnet" zwischen seinen arbeitenden Eltern sitzt und ein eigenes Holzstück mit wachsendem Enthusiasmus bearbeitet. So lernt das Kind ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln. Entsprechend selbstbewusst treten balinesische Kinder dann auch vor den Kameras der staunenden Touristen auf.
Wenn man wie wir in Bali lebt, dann wird das harmonische Zusammenspiel der Familien schnell zum Selbstverständnis und man nimmt es gar nicht mehr so bewusst wahr. Einem flüchtigen Beobachter wie einem Touristen fällt hingegen nur die positive Ausstrahlung aller Balinesen auf, die scheinbar in sich selbst ruhen und einen äußerst gelassenen und zuversichtlichen Eindruck machen.
Man kann von den Balinesen zum Thema Kindererziehung daher viel lernen.
Natürlich muss man bei den eigenen Kindern nicht alles anwenden, was die Balinesen mit ihrem Nachwuchs so anstellen. Die goldene Wahrheit liegt mit Sicherheit irgendwo in der Mitte zwischen der balinesischen und der westlichen Art der Erziehung.
Bei den hiesigen Kleinfamilien ist es beispielsweise nicht praktikabel ein Baby 210 Tage lang nur auf dem Arm durch die Gegend zu tragen, aber ein wenig mehr Gelassenheit, wenn das Kind anfängt, seine eigenen Schritte zu gehen, kann auch bei uns nicht schaden.
Wer nun mehr über die balinesische Art der Kindererziehung erfahren will, dem seien die deutschen Transkripte von zwei Bali-Videos ans Herz gelegt, die man auch ohne die dazugehörigen Bilder sehr gut nachvollziehen kann. Die Videos wurden von Jean Liedloff, der Gründerin des nach ihr benannten Liedloff Continuum Netzwerks, gedreht.
Selbst wenn Sie mit den Ideen ihres Continuum Concepts nicht unbedingt etwas anfangen können, Jean's Beobachtungen in Bali sind wirklich beeindruckend und die Transkripts gehören mit zu dem Besten, was man über balinesische Kindererziehung im Internet finden kann.
Hier nun die Links zu den beiden etwas länglichen (!) Texten:
- Auseinandersetzungsfreie Kinderpflege in Bali, Teil 1
- Auseinandersetzungsfreie Kinderpflege in Bali, Teil 2
Da nun glücklicherweise das Wochenende bevorsteht, sollten Sie ausreichend Zeit haben, sich beiden Dokumenten in Ruhe zu widmen. ![]()
Es lohnt sich!
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