Deutschland wird familienfreundlich
Markus Niesen | 30. Aug 2005 | Entwicklung
Der Titel des heutigen Artikels stammt nicht von mir. Die Mitarbeiter des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben ihn sich ausgedacht.
Mit dieser optimistischen Marschrichtung wollen Sie der Bevölkerung das Gesetz zum Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren, auch Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) genannt, schmackhaft machen.
Mit einer großen Informationskampagne will "die Bundesregierung Eltern über die Möglichkeiten für eine gute Betreuung und frühe Förderung informieren, Kommunen und Träger in ihren Anstrengungen zum Ausbau des Angebots stärken und insgesamt das öffentliche Nachdenken über und ein breites Engagement für ein familienfreundliches Lebensumfeld anregen."
Im Rahmen dieser Kampagne gibt es ...
- ... den Gesetzestext des Tagesbetreuungsausbaugesetz (320 KB; pdf-Dokument),
- ... einen Flyer zum Kinderbetreuungsgesetz (410 KB; pdf-Dokument),
- ... eine Broschüre "A bis Z zum Tagesbetreuungsaus-baugesetz" (82 KB; pdf-Dokument).
So weit, so gut. Mit diesen Dokumenten könnte sich jeder Interessierte umfassend informieren.
Zu allem Überfluss verkauft Familienministerin Renate Schmidt der Bevölkerung das neue Tagesbetreuungsausbaugesetz, welches seit dem 01. Januar 2005 in Kraft ist, auch noch auf einer eigenen Website.
Diese kommt mit dem wahlkampftauglichen Domainnamen deutschland-wird-familienfreundlich.de daher.
Gleich auf der Homepage empfängt uns die Familienministerin mit einem Grußwort.
Was für eine Broschüre so gerade noch in Ordnung ist, hat auf einer Website genaugenommen nichts zu suchen. Denn wie bei den berühmt berüchtigten "Über uns" Seiten ist der Grad zwischen Selbstbeweihräucherung und verlässlicher Information für den Besucher extrem dünn.
Leider wird man auch bei beim Betrachten der anderen Seiten das Gefühl nicht los, dass das neue Gesetz nur wenig Konkretes bietet. So werden in aller epischen Breite wieder einmal die ewig gleichen Erziehungstipps aufgewärmt, die man anderswo schon viel besser gesehen hat.
Deutschland-wird-familienfreundlich.de fehlt somit jegliche Substanz:
- Ein Land wird eben nicht allein dadurch familienfreundlich, dass man einen gezwungen fröhlichen Internet-Auftritt entwickelt.
- Man kann den Aufschwung auch nicht mit einem noch so clever gewählten Domainnamen einfach herbeireden.
- Wer eine positive Selbstdarstellung mit kaum sinnvollen Informationen vermischt, wird - wie in diesem Fall - nur wenige Besucher erreichen.
Man wird daher das Gefühl nicht los, dass hier wertvolle Steuergelder für den Aufbau einer absolut überflüssigen Website eingesetzt wurden!
Extra-Tipp:
Die Internetredaktion des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat mit der Berliner init AG noch weitere Websites verbrochen, die völlig am Markt vorbeigehen:
Auf kinder-ministerium.de erfährt die erstaunte Öffentlichkeit etwa, dass Familienministerin Renate Schmidt als Kind Stewardess werden wollte und sie sich mit Freundinnen in einer "Geheimhöhle" versteckt hat! Die sehenswerte Website (!) glänzt mit weiteren selbstverliebten Statements der Ministerin und man fragt sich bei jeder einzelnen Seite stets kopfschüttelnd, wer diesen ganzen Mist eigentlich bezahlt hat.
Auch frauenmachenkarriere.de kann nicht wirklich überzeugen. Hier scheinen sogar europäische Steuergelder verwendet worden zu sein ("Unterstützt vom Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union").
Höhepunkt aller gesammelten Belanglosigkeiten ist allerdings gender-mainstreaming.net. "Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt."
Auch mit einem noch so lustigen Flash-Video wird irgendwie überhaupt nicht klar, was uns dieser engliche Begriff und diese Website eigentlich sagen soll.
Wie sagte mein alter Englisch-Lehrer immer?
"Thema verfehlt. Setzen. Sechs."
Top-Tipp: Limango - Einkaufsgemeinschaft für junge Familien!
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3 Kommentare
Immerhin hat man bei der SPD erkannt, dass eine Verbesserung der Kinderbetreuung dazu führt, dass Frauen wieder früher in den Beruf zurückkehren können, was dem BSP wieder zugute kommt, vor allem weil ja auch in diesen Einrichtungen wieder Arbeitsplätze geschaffen würden. Aspekte, die man in anderen Ländern schon vor Jahr(zehnt)en erkannt und umgesetzt hat.
Den völlig entgegengesetzten Ansatz fährt da die Partei Bibeltreuer Christen. Nichts gegen die Kirche, ich bin selber gläubig. Aber wie der Staat es finanzieren soll, dass Mama wieder wie das Heimchen am Herd steht, dazu äußert sich diese Partei nicht.
siehe Wahlclip http://www.pbc.de/service/download.htm
Aber ich finde es gut, dass es auch kleinere Parteien gibt, die wenigstens etwas Farbe in den Wahlkampf bringen.
Sehr schön ist auch "Die Partei" des Satiremagazins Titanic:
Website von "Die Partei"
"Die Partei" in der Wikipedia
http://www.laut.de/vorlaut/news/2005/08/22/12966/
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