Bandscheibenschäden durch Tragetücher?
Markus Niesen | 16. Sep 2005 | Baby Erziehung
Experten warnen: "Bandschei-benschäden bei Babys durch Tragetücher", so stand es kürzlich auf rp-online.de.
Mit einer Schlagzeile wie dieser kann man leicht einen ganzen Markt ausradieren.
Daher bat baby-blog.de die Tragetuch-Hersteller um eine kurze Stellungnahme:
Günter Schwartzer, Inhaber und Geschäftsführer von Storchenwiege, schreibt: "Das Tragetuchgewebe muß fest, gleichzeitig aber auch ausreichend diagonal elastisch sein, um seine Aufgabe als Tragetuch wirklich erfüllen zu können. Durch die Elastizität werden eben gerade die im Artikel genannten Stöße stark abgefedert."
Er fährt fort mit: "Dann kommt es natürlich auf die Bindeweise und die Qualität der Bindung an. Oft sieht man, daß Babys mit dem Gesicht nach vorn getragen werden. Bei einer solchen Trageweise, vor der wir eindringlich warnen, können Probleme mit den Bandscheiben auftreten, da das Kind permanent ins Hohlkreuz gedrückt wird. "Tragen" ist also nicht gleich "Tragen"."
Tina Hoffmann, Geschäftsführerin von Didymos und vermutlich das erste "Tragetuchbaby" in Deutschland, sagt: "Dieser Artikel geht auf eine Veröffentlichung von 1999 zurück. Das Deutsche Grüne Kreuz (DGK) berief sich auf einen Artikel im Medical Tribune, in dem aus einem Vortrag von Herrn Dr. Göring zitiert wurde (1998). Dieser Vortrag hatte zum Inhalt, dass getragene Babys/Kleinkinder Haarrisse an den Bandscheiben bekämen (ganz grob und kurz zusammengefasst), die zu Schäden führten - Herr Göring bezog sich dabei aber auf die Tragehilfen im allgemeinen. Im Unterschied zu den sogenannten Naturvölkern liefen europäische Frauen nicht barfuss, sondern trügen festes Schuhwerk, das auf Asphalt knallt (Zitat:"...Hierzulande staksen die jungen Mütter - am Ende noch auf Plateauschuhen - auf dem Asphalt herum"). Bei genauer Betrachtung erweist sich schon diese These als sehr oberflächlich."
Sie ergänzt noch "Zum zweiten gibt es keinerlei wissenschaftlichen Studien, die diese These belegen, auch Herr Dr. Göring ist diese bisher schuldig geblieben."
Gerhard Engelmann, einer der drei Inhaber von Girasol meint: "nach unseren Erkenntnissen handelt es sich hier nicht um eine seriöse Quelle. Wir haben schon vor Jahren von diesen Berichten gehört (das bedeutet doch, dass sie regelmäßig lanciert werden) und uns dann mit Frau Dr. Evelin Kirkilonis, der absoluten Fachfrau für das Tragen von Babys, in Verbindung gesetzt.
Sie konnte berichten, dass es diese Untersuchungen nicht gibt und daß das Grüne Kreuz, sich bisher jeglicher direkten Auseinandersetzung mit ihr entzogen hat."
- Annette Schröder, Inhaberin von Hoppediz, verweist ebenso auf diese Fachfrau: "Die bekannteste Autorin, die diesen Quatsch widerlegen kann ist Frau Dr. Evelin Kirkilionis, die zu diesem Thema auch schon ein Buch "Ein Baby will getragen sein", geschrieben hat."
Interessanterweise kommt eine Suche auf der Website des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK) nach dem Stichwort "Tragetuch" ohne Ergebnisse zurück.
Der Artikel auf rp-online.de nennt auch keine weiteren Quellen, die die These in der Schlagzeile stützen könnten.
Man kann daher getrost davon ausgehen, dass hier wieder Lobbyarbeit im Spiel war und mit der Veröffentlichung dieser "Nichtmeldung" auf rp-online.de irgendjemand ein Gefallen getan wurde.
Die Tragetuchhersteller scheinen öfter mit solchem "Halbwissen und Halbinformation" konfrontiert zu werden. Sie haben souverän und äußerst gelassen reagiert.
Extra-Tipp:
Für diejenigen, die sich umfassender über das Thema Tragetuch informieren wollen, sind hier die Quellen, auf die sich die Hersteller der Tragetücher bezogen haben:
- Dr. Evelin Kirkilionis: "Ein Baby will getragen sein".
- Renate Köhler: "Die Kunst des Bindens - Das Buch zum Tragetuch", Eigenverlag, zu erhalten bei Wackelpeter, Ewaldistrasse 4, 48155 Münster.
- Prof. Dr. med. J. Büschelberger, Facharzt für Orthopädie, Habilitationsschrift Dresden 1961: "Untersuchungen über Eigenart des Hüftgelenks im Säuglingsalter und ihre Bedeutung für die Pathogenese, Prophylaxe und Therapie der Luxationshüfte."
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2 Kommentare
Mag ja sein, dass wir westlichen Frauen uns prinzipiell auf härterem Boden bewegen. (In Plateauschuhen wird man tragende Mütter schon seltener antreffen.) Aber ist dann nicht auch das Rumgeruckle im Kinderwagen oder gar Babyjogger wirbelsäulenschädlich? Und wie ist es mit dem Tragen ohne Tragetuch zuhause? Muss ich jetzt samt Baby monatelang zuhause bleiben und darf das Baby nicht vom Fleck bewegen, bis die Wirbelsäule so stabil ist, dass ich nebst Baby (und Tragetuch) das Haus verlassen darf?
Außerdem wird in Naturvölkern beim Arbeiten ja wenig Rücksicht auf das Baby auf den Rücken genommen. Dann müsste sich ja z.B. das Herumhacken der Mutter auf hartem Ackerboden und die dadurch entstehende Erschütterung auch schädlich auf die kindliche Wirbelsäule auswirken.
Tatsache ist aber, dass man sehr selten hört, dass in den Naturvölkern Rückenleiden vorhanden sind. Fakt ist auch, dass gerade die Wickelkreuztrage und Kreuztrage die Entwicklung der kindlichen Hüfte fördern. Oft wird das Tragen daher sogar von Kinderärzten empfohlen, wenn die Babys eine Hüftdysplasie haben oder der Ultraschall grenzwertig ist, wie dies z.B. bei unserer Tochter der Fall war.
Ich habe jedenfalls etliche zufriedene Kundinnen, die von anderen Tragehilfen umgestiegen sind und vom Didymos Tragetuch hellauf begeistert sind. Natürlich steht und fällt vieles mit der korrekten Bindetechnik. Ein lasch gebundenes Tragetuch kann recht schnell zu Rückenleiden führen – bei der Mutter. ;-)
Ich kann daher allen Eltern nur empfehlen, sich nicht verrückt machen zu lassen, sondern einfach selber ausprobieren, ob ihnen das Tragen im Tragetuch liegt. Dieses hat nämlich gegenüber anderen Tragesystemen einen entscheidenden Vorteil: es passt immer und jederzeit, egal wie dick oder dünn die Mutter oder das Baby sind.
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