Langzeitstillen
Markus Niesen | 20. Sep 2005 | Baby Ernährung
Spätestens dann, wenn ein Kleinkind bereits Schuhe trägt und zum Stillen noch an die mütterliche Brust kommt, wird die Umwelt nervös: Langzeitstillen ist in Deutschland noch immer nicht gesellschaftlich akzeptiert.
Ein sehr interessanter Artikel auf woman-magazin.de schaut über die Grenzen und berichtet, dass es in England und in Amerika mit dem Langzeitstillen ähnlich ist.
Der Artikel nennt aber auch die durchschnittliche Stilldauer weltweit, welche mit 4,2 Jahren für uns unvorstellbar hoch ist.
In großen Teilen Afrikas und Asiens ist es jedoch absolut selbstverständlich, dass spielende Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren immer noch kurz zum Trinken an die mütterliche Brust kommen.
Bei uns hingegen kämpfen langzeitstillende Mütter mit vielen Vorurteilen. Sie erregen Aufsehen in der Öffentlichkeit und sind benachteiligt, wenn sie zurück in den Job wollen.
Die Nahrungsmittelindustrie suggeriert ihnen, dass spezielle Babynahrung ab dem vierten Monat zugefüttert werden kann und muss. Wer sein Kind mit 15 Monaten immer noch stillt, führt ihm zu wenig Eisen zu oder gefährdet die zukünftige Zahnstellung.
In unseren Breitengraden gehört viel Kraft und Mühen dazu, ein Kind länger als die allgemein tolerierten sechs Monate zu stillen.
Deshalb treffen sich langzeitstillende Mamis im Verborgenen. Sie gründen spezielle Stillgruppen oder treffen sich virtuell zum Gedankenaustausch auf verschwiegenen Mailinglisten.
Die Zeit ist anscheinend noch nicht reif für eine Website wie langzeitstillen.de mit einem Bild, das viele Menschen als provozierend und/oder abstoßend empfinden.
Update (31.07.2008):
Mittlerweile gibt es bei amazon.de auch ein versandkostenfreies Buch über das Leben mit gestillten Kleinkindern.
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1 Kommentar
Ich finde es aber auch unnatürlich, am Stillen festzuhalten, wenn gravierende Dinge dagegen sprechen, z.B., dass einer von beiden einfach nicht mehr will.
Unsere Tochter hatte mich seinerzeit mit 9 Monaten mehrfach Abends in die Brust gebissen (das tut fies weh!). Morgens reichte dann die Milch nicht mehr und sie hat sich eine Dreiviertelstunde lang gequält um dann hinterher 140 ml Folgemilch wegzupumpen. Für mich war das einfach ein Zeichen zum komplett Abstillen, vor allem weil meine gesundheitliche Situation zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr besonders und die „Akkus“ leer waren. Außerdem hatte ich es schon optisch ein paar Tage vor dem endgültigen „Aus“ gesehen, dass sich das Stillen wohl bald erledigt hat. Der Busen war regelrecht über Nacht auf das ursprüngliche Maß geschrumpft.
Manche Kinder wollen auch irgendwann einfach keine Brust mehr oder die Milch reicht nicht, während andere 1 ½ Jahre lang nichts anderes nehmen. Ich bin daher ganz offen und lasse mich überraschen, wann mein Sohn die Brust nicht mehr mag. Er ist jetzt ca. 7 ½ Monate jung und isst mittags seinen Gemüsebrei mit Begeisterung.
Ich denke, das insgesamt im Vergleich zu den Empfehlungen (bis 2 Jahre und darüber hinaus) kurze Stillen, hängt bei uns damit zusammen, dass nach einem halben Jahr konsequent mit der Beikost begonnen und dies auch von den Ärzten für die Nährstoffversorgung empfohlen und befürwortet wird. Natürlich ist dadurch die Toleranz gegenüber älteren gestillten Kindern nicht so groß, man sieht es einfach nicht oft genug.
In vielen anderen Ländern sprechen sicher auch hygienische Verhältnisse dafür, möglichst lange zu stillen. Aber wenn doch z.B. der Eisenbedarf nach einem halben Jahr nicht mehr mit Muttermilch gedeckt werden kann, ist das Zufüttern doch legitim. Ich lasse mir da jedenfalls von keinem reinreden. Andererseits wäre ich allerdings auch nicht begeistert, wenn sich mein Zweijähriger noch selbst an der Milchbar bedient. Irgendwann will ich meinen Körper wieder für mich haben. Wenn das andere Frauen anders sehen, ist es auch o.k.
Ich finde es legitim, sich das Leben zu erleichtern und z.B. auch Windeln zu benutzen und halte daher persönlich von „Programmen“ wie „windelfrei von Geburt an“ absolut nichts. Ich kenne Leute, die das in Wohnungen mit Teppich betreiben und finde das einfach nur widerlich, weil natürlich immer mal wieder ein Geschäft daneben geht. Ich hätte auch gar keine Zeit, permanent meinem Kind hinterher zu sein und es ständig zu beobachten, wann es wohl ein Geschäftchen muss. Dazu hätte ich auch keine Lust, denn ich finde, eine gewisse Selbstständigkeit bei Kindern ist wichtig und das frühe Töpfchentraining grenzt für mich dann doch heftig an Dressur. Interessanterweise dauert – nach Erhebungen - die Zeit, bis die Kinder vollständig trocken und sauber sind, fast exakt gleichlang, egal, ob die Eltern Windeln verwenden oder nicht. Aber auch das muss jeder für sich entscheiden. Solange es für die entsprechenden Eltern und Babys o.k. ist, würde ich mich bei anderen nie einmischen oder sie gar als pervers bezeichnen.
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